Daniel, Soho, New York (c) Veronika C. Dräxler

Vom MoMa sind wir zu Fuß unterwegs ins Soho, um Daniel zu treffen, der aus der Schweiz stammt. Kennengelernt habe ich ihn in München, als er dort an der Akademie der Bildenden Künste eine Zeit lang Kunst studiert hat. Seit zwei Jahren ist er Fahrradkurier in Basel – “aus Leidenschaft” erzählt er. Abenteuerlust hat ihn jetzt nach New York geführt – ein paar Monate wird er hier leben und als Kurier fahren. Wir treffen ihn im Double Down Saloon, einer Punk-Kneipe.



Daniel, wie kommt es dazu, dass wir dich hier in einer Punk-Kneipe treffen?
Hier ist es bodenständig und günstig. Ganz einfach. Das ist auch eine der wenigen After-Work Messenger-Bars (Anm. Kurier-Bar) in Manhattan. Hier triffst du immer wieder Mal einen Kurier an. Die meisten sind in Brooklyn, wie die East-River-Bar. Dort trifft sich die Familie.



Wo wohnst du in Brooklyn?
In Bushwik. Das kommt nach Williamsburg. Das nächste Viertel das gentrifiziert wird.



Wie sind hier die Arbeitsbedingungen für Fahrradkuriere?
Reich wird man nicht. Aber das liegt auch an der Tätigkeit. Fahrradkurier ist einer der niederen Jobs, aber darum kann man ihn auch auf der ganzen Welt machen. Hier bekommt man Anteile an jedem Auftrag. Diese Anteilen werden dann auf das ganze Team aufgeteilt. Das ist fair. Es ist also eine Mischung von Stundenlohn und was das Team schafft. Aber mir geht es nicht um Geld. Für mich ist das hier ein Arbeitsaustausch, weil ich wissen wollte, wie Fahrradkuriere hier in New York arbeiten.



Wie lange sitzt du auf dem Fahrrad am Tag?
Die Schichten sind neun Stunden. Von zehn bis sieben Uhr. Oder von acht bis fünf Uhr. Manchmal überzieht man eine halbe Stunde oder ein bißchen mehr. Durchschnittlich fahre ich so an die 100 Kilometer am Tag.



Auf Youtube gibt es diese Fahrradkurier-Rennen-Videos mit Go-Pros gefilmt. Machst du das auch?
Ja, ich bin hier ein paar Rennen mitgefahren. Aber da konnte ich noch nicht mithalten, weil ich die Straßen noch nicht gekannt habe. Ich habe ungefähr einen Monat gebraucht, um in den Verkehr hier hineinzufinden, damit ich so richtig drauflosheizen kann. Mittlerweile passt es ganz gut. Immerhin hatte ich bisher noch keinen Unfall, aber den Kurieren hier, denen passiert ständig was.



Die Menschen in New York sind ja fast schon zu freundlich. Wie empfindest du das?
Unterwegs auf der Straße werde ich eigentlich nur angeschrien. Da kann ich dir also nicht viel dazu sagen. Aber wenn ich was in einem Büro abgebe, sind die Menschen natürlich sehr freundlich.



Was ist mit dem American Dream? Ist der noch aktuell hier?
Ja doch. Den spürt man schon. Ich komme aus der Schweiz, kenne keine Sau, aber nach einem Monat konnte ich hier bei einem Kurier-Unternehmen mitfahren. Ich war viel in Bars mit und nach einem Monat kennt dich jeder. Aber es gibt eben auch die Kehrseite, denn alle können es nicht hier schaffen. Erfolg hat viel mit Bildung zu tun, und da ist das allgemeine Niveau im Schnitt eher tiefer. Da wo ich wohne, da ist die Grenze zum sogenannten Ghetto. Da merkt man das extrem. Die, die was haben, haben keinen Bock denen was abzugeben, die nichts haben – weil die, die es nicht geschafft haben, es ihrer Meinung nach nicht hart genug versucht haben.


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Fotos von Daniels Alltag als Fahrradkurier in NY:

Bildnachweis: Daniel auf dem Bett, Jan Naef Fotografie