“Wolltest du nicht unbedingt segeln?”, frägt mich Christoph und zeigt auf einen Flyer der im Coconut Hostel in Bocas del Toro, Panama klebt. “Sailing to San Blas. Leaving the 21th of January. Contact: Ian”, steht dort. Schon tagelang davor habe ich immer wieder davon gesprochen, dass ich per Anhalter mit auf ein Segelschiff will. Nicht, dass ich Ahnung hätte, vom Segeln – aber für mich war das schon länger ein heimlicher Traum. Wir googeln also San Blas und sind sofort überzeugt von diesen kleinen mit Kokospalmen bewirtschafteten Inseln, inmitten von türkisblauem Karibikmeer. Ohne uns große Hoffnungen zu machen, schreiben wir eine E-Mail an Ian. Übernacht haben wir das so gut wie vergessen und die Möglichkeit eigentlich auch schon aufgegeben. Mit gepackten Rucksäcken für die Weiterfahrt nach Costa Rica sitzen wir am Morgen des 21.01. im viel zu engen Hostel-Zimmer, als es an der Tür klopft: „Veronika?“ Es ist Ian, er hat noch zwei Plätze frei, aber wenn wir mit wollen, dann jetzt.

Costa Rica? Planänderung.

Mit dem Wassertaxi bringt uns Ian zu seiner Jus´ Pasin´ Thru. An Bord werde ich überschwänglich begrüßt – von Mitschi, dem Schiffs-kater, der mich endgültig überzeugt hätte, würde ich noch Zweifel gehabt haben, an unserer spontanen Entscheidung. Beim Chinesen neben dem Steg kaufen wir – nachdem wir die Crew und Mitreisenden kennengelernt haben – noch 20 Liter Wasser, Panama-Bier für Christoph und ein Kilo Salzkekse ein, falls wir seekrank werden sollten. Als wir eine Stunde später ablegen, zieht der Himmel zu. Es fallen ein paar Regentropfen. „Hoffentlich kein schlechtes Zeichen“, sagt Ian.

Gemütlich fahren wir durch die Bocas del Toro Inselgruppen, Ian erzählt uns den neuesten Klatsch und Tratsch und ein paar Gruselgeschichten von Bocas. Ich setze mich nach einer Weile mit Christoph vorne auf das Schiff, auf unser selbst ernanntes Sonnendeck – auch wenn die Sonne gerade nicht scheint. Wir haben Bocas hinter uns gelassen, was bedeutet, dass wir nicht mehr im Windschatten der Inseln sind. Deutlich merken wir das an den Wellen und dem Wind, der die Segel ordentlich ausnutzt. Nur so für alle Fälle lese ich Christoph und mir aus dem Buch “Cruising for Cowards” die Passage über Seekrankheit vor. Er hakt ein paar Mal ganz genau nach, als ich die Symptome Gähnen, Kopfschmerzen, Schwindel, Zwangsschlucken, Erbrechen und Depression vorlese. Ian frägt: “Fühlt ihr euch nicht gut?” Ich verneine – wir lesen uns das schließlich nur zur Unterhaltung vor.

Die Wellen sind inzwischen auf zwei Meter angewachsen. Sébastian muss sich als Erster an Bord übergeben, was ich niemals erwartet hätte, weil er doch der Stämmigste und Kräftigste von uns allen zu sein schien. Ich schenke ihm einen Reisekaugummi. Noch ist mir nicht schlecht, aber ich kaue auch lieber vorsorglich einen und gebe auch Christoph einen. Ian sitzt mit Sorgenfalten auf der Stirn am Steuer und durchblättert gleichzeitig ein Buch mit Hinweisen auf sichere Ankerplätze. “Es wird wohl besser sein, wenn wir bei der nächsten Bucht ankern und übernachten – das sieht mir nicht so gut aus”, erklärt er uns. Sébastian nickt nur erleichtert.

Nachts wache ich im Stunden-Takt auf. Irgendetwas knallt in regelmäßigen Abständen immer wieder mit voller Wucht von außen gegen unsere Kabine, so als würden wir einen Eisberg rammen. Ich wecke Christoph auf: “Was ist das?” Mir ist gruselig. Er sagt nur – das ist sicher nur das Rettungsboot, das vom Wind gegen das Schiff geschaukelt wird. Ich mache meine Augen wieder zu und wache wieder auf, weil ich davon träume, dass uns die Indianer von der Insel mit Kokosnüssen beschießen. Einschlafen kann ich dann nicht mehr, ich schiebe Panik, dass wir auf Grund laufen. Als die Sonne aufgeht, wird Gabriél wach – zu gut gelaunt: “Ich habe wie ein Baby in der Wiege geschlafen.” Na toll. Wie kann man bei so einem Wellengang gut schlafen? Aber Gabriél ist mit seinen 50 Jahren auch schon viel gesegelt, hatte er zumindest gestern noch erzählt. Ian inspiziert kurz nachdem er aufgestanden ist das Deck und erzählt uns, dass der Wind gedreht hat in der Nacht. Was an das Schiff geschlagen hatte, war die Ankerkette. Der Wind und der Wellengang waren so stark, dass sie das Ankergewinde komplett verbogen haben.

Ab dem Zeitpunkt ist uns allen acht klar, dass wir durch den Sturm nach San Blas segeln werden – zurückfahren war für keinen von uns eine Option. Vorraussichtliche Segelstunden vor uns: 75. Ich frühstücke daher fast nichts, so ganz fit fühle ich mich auch nicht mehr.

Nach ein paar Stunden geht Sébastian lieber gleich mit Tropfen gegen Übelkeit auf seine Liege. Schon jetzt kann er nichts mehr unten behalten. Die anderen zwei Frauen an Bord legen sich auch lieber nach unten. Christoph sieht ebenfalls nicht mehr so glücklich aus. Die Wellen sind jetzt zwischen drei und vier Meter. Ohne Festhalten geht nichts mehr. Gabriél und Ian wechseln sich am Steuer ab. Zu Essen gibt es nur noch Salzkekse und chinesische Reisecracker. Zwischen einer Zwei-Meter-Welle von links und einer Vier-Meter-Welle von rechts frägt Tran, der 79-jährige Vietnamese nach Nudelsuppe. Ian, Gabriél und ich schauen uns ungläubig an, ob wir richtig gehört haben. Wie kann man denn jetzt Hunger haben? Christoph kämpft währenddessen auf dem Sonnendeck im Liegen gegen Übelkeit.

Dann wird es dunkel, aber sternenklar. Sorgen macht mir Tran, der sich mit beiden Händen auf der Bank liegend an einer Stahlstange festhält. Er scheint der Erste zu sein, der in einer Sekunde von fehlender Konzentration über Bord gehen könnte. Gerade will ich Ian darauf hinweisen, als die nächste Welle Trans Hände losreist und er Ian ins Steuer fällt. Ian schickt ihn nach unten – es sieht fast noch lebensgefährlich aus, wie Tran die steile Treppe nach unten schwankt. Dort angekommen verharrt er, wie ich finde zu lange mit einer Hand festgekrallt an einem Schrank. Ich frage noch: “Tran – geht es dir gut?” Dann schießt eine Kotz-Fontäne aus ihm heraus – auf die Rucksäcke und Klamotten der Anderen, die inzwischen wegen der hohen See im ganzen Gang verteilt sind. “Kannst du ihm helfen?”, spricht mich Ian an. Auf gar keinen Fall. Wenn ich eines nicht kann, dann Erbrochenes aufwischen, ohne mich nicht selbst im nächsten Moment übergeben zu müssen. Gabriél übernimmt also das Steuer, Ian geht runter um das Nötigste aufzuwischen. Tran kriecht an Deck, er will lieber oben bleiben – sein Hemd immer noch voller Reste von Erbrochenem. Als Ian wieder hochkommt – kann Gabriél nicht mehr. Er dreht sich um und hängt minutenlang über der Reling. Ich schreie vor zu Christoph, dass er jetzt vom Sonnendeck runter kommen soll. Sofort. Ich sehe schon vor mir, wie er von Bord geht. Widerwillig kommt er und setzt sich neben mich. Zum ersten Mal verstehe ich, was es heißt, grün im Gesicht zu sein. Keine fünf Minuten später dreht auch er sich Richtung Meer. Ich muss laut loslachen, als er sich dann dafür entschuldigt, dass er gerade kotzen musste. Mir fällt ein, dass wir vor ein paar Tagen darüber geredet hatten, dass wir uns noch nie beim Kotzen erlebt haben. Dafür jetzt richtig.

Nach einer Weile sagt Christoph zu mir: “Vroni, ich glaube ich fange an zu halluzinieren. Ich sehe die ganze Zeit in den Wellen Hände die nach mir greifen.” Okay. Ich frage nur zurück: “Wo?” Ich will die auch sehen. Wenig später gibt Gabriél bescheid, dass er jetzt auch nicht mehr kann und sich unten mit Schlaftablette hinlegen wird. Dann bekommt das große Segel einen Riss und Ian wendet sich zu Christoph: “Kannst du das Steuer halten? Ich muss die Segel einholen.” “Klar”, erwidert Christoph. Steht auf, hält das Steuer fünf Sekunden, dreht sich um und muss sich sofort übergeben. “Sorry, geht nicht, wenn ich nur versuche mich zu konzentrieren wird mir sofort schlecht”, sagt er dann und kann immer hin noch darüber lachen. Das Segel muss also noch bleiben. Ian beschließt vorerst die Route nach San Blas abzubrechen. Das bedeutet aber noch immer über 18 Stunden durch den Sturm – der nächste Hafen ist bei Colon am Panama Kanal. Christoph und ich sind nur noch auf der Bank zusammen gekauert, ich habe den Schlafsack um mich gewickelt. Eine große Welle schwappt ins Schiff – und durchnässt mich komplett. Ian holt mir Handtücher, die ich jetzt um mich wickle. Alles nur nicht runter in den Schiffsbauch. Irgendwann frägt uns Ian vollkommen übermüdet: “Könnt ihr Mal schauen. Ist das große Licht dort ein Schiff? Ich sehe nicht mehr gut.” Einige Minuten fokussieren wir das Licht. Was ist das? “Der Mond!”, schreit Christoph. “Das ist der Mond!”, erkläre ich auch. Erleichterung.

Eine Stunde später ziehen Regenwolken auf. Wir dachten wir haben schon hohen Wellengang – aber jetzt türmen sich dunkle Monster von bis zu fünf Metern vor uns. Ian erklärt besorgt: “Jetzt kommt der wirkliche Sturm.” Mir wird klar, dass ich jetzt wohl runter muss, denn wenn ich anfange durchnässt zu frieren, dann habe ich bald keine Kraft mehr, mich festzuhalten. Bei dem Gedanken daran wird mir schon fast schlecht, aber hilft ja nichts. Ich balanciere also die Treppe hinunter und mir beißt es sofort in der Nase. Es stinkt nach Kotze, Klo und Schweiß. Durcheinander liegen die Bücher aus den Regalen auf dem Boden. Aus den Küchenschränken sind die Töpfe herausgefallen. Gepäckstücke pflastern den Weg zu meinem Bett, das ganz am Ende des Vier-Meter-Gangs ist. Auf beiden Seiten vor sich Hindämmernde und Leidende. Ich steige über alles und alle drüber, werde von links nach rechts geschmissen, aber ich komme an. Jetzt ist auch mir wirklich sehr schlecht. Ich lege mich auf die Matratze, vor meinem Bett sehe ich das Katzenklo. Oh Gott – das macht mich so glücklich. Mir kommt die Spucke hoch und ich übergebe mich ins Katzenklo – nicht ins Schiff und nicht aufs Bett. Immerhin.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wird es hell – ich riskiere einen Blick von meinem Bett durch die Tür. Christoph sitzt am Steuer. Wahnsinn. Benommen versuche ich die Kamera herauszusuchen, versuche kurz durch den Auslöser zu schauen. Unmöglich, ich kann nicht fotografieren. Mir wird sofort wieder schlecht.

Dann sind wir auf ein Mal gleich da, ich muss für ein paar Stunden eingeschlafen sein. Christoph hat Ian abgelöst, der musste – nach mehr als 48 Stunden Wachsein und davon 14 Stunden am Stück navigieren – komplett erschöpft am Ende seiner Kräfte, am Steuer mit Sekundenschlaf kämpfen.

Als wir im Yacht Klub Shelter Bay Marina, gleich am Panama Kanal vertauen, sind auf ein Mal alle wieder fit. Keine Spur von Seekrankheit. Aber keiner will weiterfahren. Nur noch Ian, Christoph, ich und Mitschi sind übrig. Wir bleiben. Wir wollen es noch immer nach San Blas, unsere karibische Trauminsel, schaffen. Dann aber sagt Christoph zu mir: “Das war also dein Traum?” Ich bekomme Angst, dass er jetzt einen Rückzieher machen wird, aber dann lacht er und fügt hinzu: “Ich weiß jetzt, was alle immer mit diesem Segeln haben. Als ich da Auge in Auge mit dem Meer und dem Sturm gekämpft habe – das hat mir Spaß gemacht.”